{"id":1604,"date":"2010-11-10T21:05:37","date_gmt":"2010-11-10T21:05:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=1604"},"modified":"2010-11-10T21:07:57","modified_gmt":"2010-11-10T21:07:57","slug":"von-den-sternen-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2010\/11\/10\/1604\/","title":{"rendered":"Von den Sternen lernen"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche habe ich das Manuskript zum &#8222;Handbuch der therapeutischen Utilisation&#8220; bei der Lektorin zur Korrektur abgegeben, das Anfang April kommenden Jahres bei Klett-Cotta erscheint. Trotzdem die Abgabe mich jetzt ein bisschen erleichtert, sind noch viele Feinarbeiten n&#246;tig. Der Kern des Buches besteht aus &#252;ber 60 kurzen Fallgeschichten aus der Beratungs- und Therapiearbeit, die auf die Fragen hin untersucht werden: Was aus dem Leben der Klienten und was von ihren Problemen oder Symptomen (oder auch was von der aktuellen Beratungssituation) wird in der Therapie jeweils genutzt, um zu L&#246;sungen zu kommen. Und wie geht das? Wass wirkt befreiend an der Therapie? Und wie kann die Therapie so individualisiert werden, damit die Beratung so individuell wird wie die Klienten und ihre Geschichten es sind?<\/p>\n<p>Einige Geschichten, die ich in dem Buch betrachte, handeln von Klienten mit Tinnitus. Davon m&#246;chte ich hier eine herausgreifen. Das war in diesem Fr&#252;hjahr&#8230;<!--more--><!--more--><\/p>\n<p>Ein etwa 60j&#228;hriger Mann war wegen Tinnitus zu mir in Therapie gekommen. Er wirkte auf mich kaum hoffnungsvoll, eher m&#252;de und depressiv. In den zwei ersten Stunden machte die Therapie wenige Fortschritte. In der dritten Stunde hielt ich folgende Rede: \u201eIst es nicht seltsam, dass wir ein nerv&#246;ses Zucken der Augenlider ganz deutlich bemerken, wenn wir etwa unausgeschlafen sind und die Nerven sich nicht gen&#252;gend erholt haben, den Herzschlag, der viel st&#228;rker ist, aber fast nie wahrnehmen? Wir blenden ihn einfach aus. Und warum bemerken wir einen Schluckauf viel mehr als den Herzschlag, obwohl der Herzschlag eine weit gr&#246;&#223;ere Aktivit&#228;t von Muskeln und Nerven beansprucht? Und ist es nicht eigenartig, dass wir die Schl&#228;fenader, die doch direkt neben dem Trommelfell vorbei l&#228;uft, niemals h&#246;ren? Auch die blenden wir aus. Unseren Atem sp&#252;ren wir nur selten und h&#246;ren ihn fast nie, obwohl wir ihn doch st&#228;ndig f&#252;hlen und sehr oft auch h&#246;ren k&#246;nnten. Er bietet keine Neuinformation f&#252;r uns, er hat keinen Informationswert, darum vergessen wir ihn, und das ist gut so. Wir kommen auch nicht auf die Idee, uns &#252;ber unseren Atem zu &#228;rgern oder ihn belastend zu finden. Er geh&#246;rt einfach dazu. Wenn ich Sie fragen w&#252;rde, ob es Sie irgendwo juckt oder kribbelt, k&#246;nnten Sie mir bestimmt etwas dazu sagen, aber eben haben Sie noch nichts davon bemerkt. Ihre Augenlider schlagen mehrmals in der Minute, aber Sie bemerken Ihren Lidschlag sicher seltener als einmal am Tag. Ihr Unbewusstes wei&#223;, dass er da ist, aber ihr Bewusstes bemerkt davon nichts. Es braucht nichts davon zu wissen, ihr Lidschlag enth&#228;lt keine f&#252;r Sie relevante Information. Sie verschwenden keinen Gedanken daran, die Unterbrechung des Sehens als l&#228;stig zu empfinden. Sie sind es gewohnt, Sie bemerken es gar nicht. Dasselbe gilt auch f&#252;r andere Wahrnehmungen. Wenn Sie darauf achten w&#252;rden, wie oft im K&#246;rper ein Knochen knackt, etwa ein Fingerknochen, der Unterkiefer, das Knie oder ein Knochen der Wirbels&#228;ule, dann w&#228;ren Sie &#252;berrascht. Sie nehmen es nur selten wahr, es braucht Sie nicht zu interessieren, genauso wenig wie andere Dinge, die Sie in ihrem K&#246;rper h&#246;ren, etwa die Ger&#228;usche Ihres Darms, der sich &#252;brigens unabl&#228;ssig bewegt, ohne dass Sie das sp&#252;ren, obwohl sich nirgendwo im K&#246;rper mehr Nerven befinden als gerade im Bereich Ihres Darmes. Wenn Sie genau hinf&#252;hlen, k&#246;nnen Sie etwas von der Durchblutung Ihrer K&#246;rperteile bemerken, wie das Blut ununterbrochen durch sie hindurch str&#246;mt. Im Alltag bemerken Sie das nicht, es ist belanglos, Sie blenden es aus, genauso wie die Schlieren, die &#252;ber Ihr Gesichtsfeld ziehen. Im Auge haben Sie einen blinden Fleck, wo Sie nichts sehen, und auch den bemerken Sie nicht. Wenn Sie zuhause sitzen, bemerken Sie nur ganz selten das Ger&#228;usch der Heizung oder das der Autos, die drau&#223;en vor&#252;ber fahren, und w&#228;hrend Sie fernsehen, h&#246;ren Sie nicht die Sp&#252;lmaschine, die nebenan l&#228;uft. Ihr K&#246;rper kann laute Dinge leise h&#246;ren und leise Dinge laut. Und wenn Sie bei Nacht in den Sternenhimmel schauen, k&#246;nnen Sie im Augenwinkel einen Stern sehen, und wenn Sie darauf schauen, sehen Sie ihn nicht. Dann schauen Sie daneben, er ist wieder da, schauen hin, und der Stern ist weg. Manchmal k&#246;nnen Sie die Milchstra&#223;e nur im Augenwinkel sehen, wenn Sie darauf schauen, aber nicht. Und das ist mit anderen Wahrnehmungen genauso. Wenn Sie mitten in einen Schmerz hinein f&#252;hlen, wird er m&#246;glicherweise weniger. Manchmal meinen Sie, etwas geh&#246;rt zu haben, und wenn Sie hin horchen, ist es weg. So kann sich das Gewohnte umkehren, und die erwartete Wahrnehmung sich in ihr Gegenteil verwandeln, und all das ist ganz allt&#228;glich.\u201c<br \/>\nIch fragte ihn:\u00a0 \u201eWas gibt es, was Sie mir im Moment gerne sagen m&#246;chten?\u201c \u201eIch wei&#223; nicht, es ist alles normal.\u201c \u201eWas hei&#223;t das genau f&#252;r Sie: \u2018Es ist normal?\u2019&#8220; \u201eWie immer.\u201c \u201eUnd wie ist es jetzt gerade?\u201c \u201eWenn ich hinh&#246;re, wird der Ton leiser.\u201c \u201eIst das denn normal?\u201c Und er bemerkte, dass zuvor der Ton immer lauter geworden war, wenn er auf ihn geachtet hatte.<\/p>\n<p>Aus: Stefan Hammel, Handbuch der therapeutischen Utilisation. Vom Nutzen des Unn&#252;tzen in Psychotherapie, Kinder- und Familientherapie, Heilkunde und Beratung. Stuttgart, Klett-Cotta 2011 (Erscheinungstermin Ende M&#228;rz \/ Anfang April).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche habe ich das Manuskript zum &#8222;Handbuch der therapeutischen Utilisation&#8220; bei der Lektorin zur Korrektur abgegeben, das Anfang April kommenden Jahres bei Klett-Cotta erscheint. Trotzdem die Abgabe mich jetzt ein bisschen erleichtert, sind noch viele Feinarbeiten n&#246;tig. 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