{"id":1300,"date":"2009-12-29T19:41:30","date_gmt":"2009-12-29T18:41:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=1300"},"modified":"2010-01-13T20:22:35","modified_gmt":"2010-01-13T20:22:35","slug":"der-stille-gregor-selektiver-mutismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2009\/12\/29\/1300\/","title":{"rendered":"Der stille Gregor (Selektiver Mutismus)"},"content":{"rendered":"<p>Hier ist, wie ich meine, recht spannende Geschichte. Um sie zu erz&#228;hlen, muss ich aber ein bisschen ausholen. Wer das vorl&#228;ufige Ergebnis zuerst erfahren m&#246;chte, kann auch den Brief am Ende dieses Artikels zuerst lesen.<\/p>\n<p>Vorige Woche hatte ich eine Familie mit einem selektiv mutistischen Jungen in Therapie. Ich nenne ihn jetzt einmal Gregor. Der Junge redet nur mit seiner Familie, sowie mit einigen Schulkameraden und anderen ihm lange bekannten Personen, aber nicht mit Fremden. Und wenn wenig bekannte Personen anwesend sind, wie &#252;berhaupt in der &#214;ffentlichkeit, fl&#252;stert er seinen Eltern etwas ins Ohr, redet aber nicht laut mit ihnen. Auf neue Erfahrungen oder Unternehmungen ohne die Anwesenheit von Eltern oder anderen Bezugspersonen l&#228;sst er sich kaum ein. Insgesamt ist er sch&#252;chtern und &#228;ngstlich, macht aber einen klugen, wachen, interessierten Eindruck und kommt auch mit dem Schulstoff gut zurecht.<!--more--><\/p>\n<p>Die Mutter erkl&#228;rte, dass Gregor sein Problem auch selbst angehen wolle, also nicht nur auf Wunsch der Eltern in Therapie komme. Mir gab er Zeichen durch Kopfnicken, Kopfsch&#252;tteln und &#228;hnliche Gesten, was die Therapie nat&#252;rlich erleichterte. Ich erz&#228;hlte der Familie von dem ber&#252;hmten Therapeuten Milton Erickson, der bis zum Alter von vier Jahren &#252;berhaupt kein Wort sprach. Oft &#228;u&#223;erten Nachbarn, Bekannte und Freunde ihre Besorgnis &#252;ber diesen Umstand. Seine Mutter erwiderte darauf immer nur den einen Satz: &#8222;Wenn seine Zeit kommt, wird er sprechen&#8220;. So war es denn auch. Als seine Zeit kam, da sprach er. Er hatte nur eben andere Dinge zuerst gelernt, zum Beispiel das Zuh&#246;ren, Verstehen und Beobachten, und hatte sich das Sprechen f&#252;r die Zeit nach seinem vierten Geburtstag aufgehoben. Eine ungew&#246;hnliche Reihenfolge, aber warum sollten nicht manche Kinder bestimmte Dinge zu einer sp&#228;teren Zeit lernen und daf&#252;r anderes schon fr&#252;her k&#246;nnen als die &#252;brigen Jungen und M&#228;dchen ihres Alters.<\/p>\n<p>Milton Erickson wurde ein sehr guter Beobachter, ebens wie &#8211; so &#228;u&#223;erte ich meine Annahme &#8211; dieser Junge in der Zeit seines Schweigens besser beobachten gelernt hatte, als fast jedes andere Kind in seiner Umgebung.<\/p>\n<p>Milton Erickson musste allerdings das Sprechen zweimal lernen. Denn Jahre sp&#228;ter, als er ein Schulkind war, erkrankte er an Polio. Die L&#228;hmung war so schwerwiegend, dass er nur noch seine Augen bewegen konnte, und auch sein K&#246;rpergef&#252;hl war von der Erkrankung besch&#228;digt worden. Man erwartete, dass er an der Kinderl&#228;hmung sterben w&#252;rde, und als er &#252;berlebte, hie&#223; es, dass er sich niemals wieder w&#252;rde bewegen k&#246;nnen. Jeden Tag setzte ihn die Familie in einen Schaukelstuhl, und er vertrieb sich die Zeit damit, die Dinge um sich m&#246;glichst genau mit den Augen zu erkunden. Er fand heraus, dass seine Schwestern Nein sagen konnten, wenn sie Ja meinten, und Ja sagen, wenn sie Nein meinten. Sie konnten einander einen Apfel anbieten und ihn dann behalten, oder es genau umgekehrt machen.<\/p>\n<p>Eines Tages machte er eine merkw&#252;rdige Entdeckung: Er war gerade dabei, sich vorzustellen, wie er mit anderen Kindern herumrannte und spielte, da fiel ihm auf, dass sich sein Schukelstuhl ein winziges St&#252;ck bewegt hatte. Er fand heraus, dass die Bewegung durch seine Gedanken ausgel&#246;st worden waren, die offenbar einen ganz kleinen, f&#252;r ihn sonst nicht wahrnehmbaren, Impuls f&#252;r seine Muskulatur zur Folge gehabt hatten, der sich dann weiter auf den Schukelstuhl &#252;bertragen hatte.<\/p>\n<p>Der Junge folgerte, dass seine Nerven also noch ein bisschen funktionierten &#8211; vielleicht waren diese Wirkungen sogar trainierbar? Er &#252;bte von da an, sich Bewegungen vorzustellen, und zum Erstaunen aller erwachsenen konnte er sich allm&#228;hlich auch wieder bewegen. Er brauchte viel Zeit, aber die hatte er ja. Ich glaube, eines Tages fiel ihm ein, dass er sich auch K&#246;rpergef&#252;hl vorstellen k&#246;nnte, und dadurch vielleicht sein K&#246;rperempfinden zur&#252;ckgewinnen w&#252;rde. Auch dieses gelang ihm. Als er schlie&#223;lich das Sprechen wieder erlernen wollte, stellte er sich (so glaube ich) nicht nur vor, wie es sich anf&#252;hlen w&#252;rde, wenn er wieder spricht, sondern auch, wie seine Sprache klingen w&#252;rde. Zuerst war nur die Vorstellung da: Wie sich das Sprechen anf&#252;hlen und anh&#246;ren wurde, wie die anderen reagieren w&#252;rde, wie er sich daran gew&#246;hnen w&#252;rde, seine eigene Stimme wieder zu h&#246;ren, vielleicht w&#228;re es am Anfang noch fremd und w&#252;rde dann immer vertrauter&#8230;<\/p>\n<p>Er lernte auch das Sprechen wieder, und schlie&#223;lich konnte er alle Bewegungen ausf&#252;hren und alles f&#252;hlen und alles sagen, was er sagen wollte. Dann ging er wieder in die Schule, holte alles Vers&#228;umte nach, ging sp&#228;ter auf die Universit&#228;t und wurde ein ber&#252;hmter Arzt und Psychotherapeut.<\/p>\n<p>Als ich das erz&#228;hlt hatte, deutete der Junge nach oben an die Decke. Weil wir nicht wussten, was er meinte, fl&#252;sterte er seiner Mutter etwas zu, und dann ein zweites mal, lauter. Dann erlosch eine der Deckenlampen, und eine durchgegl&#252;hte Befestigungsschraube fiel herunter. &#8222;Er hat bemerkt, dass die Lampe geraucht und einen komischen Geruch verbreitet hat&#8220;, sagte die Mutter.<\/p>\n<p>&#8222;Sehr gut&#8220;, sagte ich, &#8222;du bist wirklich ein ausgezeichneter Beobachter. Und du hast es deiner Mutter gesagt, und ich habe es sogar geh&#246;rt&#8220;. Wenn du anf&#228;ngst, mutig zu sein &#8211; oder auf eine andere Art als bisher, mutig zu sein &#8211; dann kannst du das genauso allm&#228;hlich machen, wie dieser Junge Milton Erickson. Du kannst so allm&#228;hlich lauter fl&#252;stern, dass deine Eltern es vielleicht gar nicht bemerken. Du kannst probieren, zu beobachten, ob deine Eltern es bemerken, wenn du am Anfang nur ein ganz kleines bisschen lauter fl&#252;sterst. Was meinst du, ist es besser, wenn sie dich dann loben, oder wenn sie so tun, als h&#228;tten sie es nicht bemerkt?&#8220; Der Junge wiegte den Kopf und konnte sich zu keiner Antwort entschlie&#223;en. &#8222;Oder sollen deine Eltern genau beobachten, wann es dir gut tut, wenn sie dich loben, und wann es peinlich ist, und sich danach richten?&#8220; Der Junge nickte und strahlte. So beendeten wir die erste Therapiestunde.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp&#228;ter erhielt ich von der Familie den folgenden Brief (Namen und Einzelheiten ge&#228;ndert):<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Hammel,<br \/>\nvielen Dank f&#252;r diese Stunde. Sie haben Gregor und seiner Mutter schon sehr geholfen. Erste &#196;ngste oder der innere Druck hat sich aufgel&#246;st. Gregor war nach dieser Stunde total aufgedreht und erleichtert. Vor allen Dingen erleichtert. Was seiner Mutter genauso ging. Nach dieser Stunde sind wir in ein gro&#223;es Einkaufszentrum essen gegangen. Stellen sie sich mal vor: Unglaublich!!! Unser Sohn hat normal mit seinen Eltern geredet. Ich habe alles, jedes Wort verstanden!!! Er hat es selbst nicht bemerkt. Nach dem Essen habe ich zu Ihm gesagt: &#8222;Gregor , du hast ganz normal mit mir geredet, ich habe jedes Wort verstanden&#8220;. Es war ihm nicht aufgefallen. Einfach toll. Danke. So locker und gel&#246;st habe ich unseren Sohn schon lange nicht mehr erlebt.<\/p>\n<p>In der Schule hat er beim Backen von Pl&#228;tzchen, den Kindern deutlich gesagt, dass es ihn st&#246;rt, wenn sie sich und anderen Kindern Mehl &#252;ber die Haare sch&#252;tten oder streuen. Er meinte: Es sei unangenehm, wenn das Mehl in die Augen kommt.<\/p>\n<p>Er spielt jetzt auch die Kinder nach in der Schulklasse. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dies schon oft gemacht hat.<\/p>\n<p>Zuhause geht er mehr und mehr aus sich heraus. Er kann auch ganz laut zu Hause schreien. Die Emotionen kommen nur so aus ihm heraus.\u00a0 &#196;rger, Frust und Wut sind jetzt nicht mehr so in Gregor versteckt. Was er noch nicht zeigt, ist,\u00a0 wie m&#252;de oder hungrig er tats&#228;chlich ist.<\/p>\n<p>Wir w&#252;nschen Ihnen und Ihrer Familie ein gesegnetes Weihnachtsfest.<\/p>\n<p>Wir freuen uns darauf wieder zu kommen.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr&#252;&#223;en,<\/p>\n<p>A. S.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier ist, wie ich meine, recht spannende Geschichte. Um sie zu erz&#228;hlen, muss ich aber ein bisschen ausholen. Wer das vorl&#228;ufige Ergebnis zuerst erfahren m&#246;chte, kann auch den Brief am Ende dieses Artikels zuerst lesen. 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