{"id":1237,"date":"2009-10-24T15:37:08","date_gmt":"2009-10-24T13:37:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=1237"},"modified":"2009-10-25T13:49:59","modified_gmt":"2009-10-25T12:49:59","slug":"geschwistertherapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2009\/10\/24\/1237\/","title":{"rendered":"Geschwistertherapie"},"content":{"rendered":"<p>Eine Mutter wollte ihren Sohn in Therapie bringen, weil er bei den h&#228;ufigen Streitigkeiten mit seiner Schwester diese regelm&#228;&#223;ig blutig kratzte. Auch gegen&#252;ber der Mutter sei er ungehorsam, f&#252;hle sich regelm&#228;&#223;ig im Unrecht, beschimpfe sie mit groben Worten und versuche sie zu schlagen. Der Junge ginge in den Kindergarten, seine Schwester in die erste Klasse. Auch im Kindergarten sei der Junge aggressiv und habe daher wenige Freunde, obwohl die Erzieherinnen und die Kinder sich lange bem&#252;ht h&#228;tten, ihn zu integrieren. Der Vater der Kinder sei meistens beruflich unterwegs, die Mutter f&#252;hle sich mit dem schwer zu kontrollierenden Jungen &#252;berfordert.<\/p>\n<p>Ich bat die Mutter darum, zur ersten Stunde beide Kinder zur Therapie mitzubringen. Ich lie&#223; die Kinder erkl&#228;ren, auf welche Arten und aus welchen Anl&#228;ssen sie sich stritten. Zur zweiten Stunde bat ich die Mutter, nur die Tochter mitzubringen. Ich fragte das M&#228;dchen: &#8222;Was meinst du? Wenn du es wirklich wolltest &#8211; auch wenn du sonst vielleicht gar nicht so bist &#8211; w&#252;rdest du es irgendwie hinkriegen, deinen Bruder richtig auf die Palme zu kriegen?&#8220; &#8222;Na klar!&#8220; &#8222;Echt? Das kriegst du hin? Wie w&#252;rdest du das denn schaffen?&#8220; &#8222;Ach, zum Beispiel w&#252;rde ich ihm so eine Grimasse machen&#8230; und dann w&#252;rde ich so gucken\u2026 und dann w&#252;rde ich ihm die Zunge rausstrecken&#8230;&#8220; &#8222;Und das funktioniert?&#8220; &#8222;Ja, das klappt gut! Und dann w&#252;rde ich ihm die Zunge rausstrecken&#8230;&#8220; &#8222;Toll\u2026 und was k&#246;nntest du machen, angenommen du wolltest tats&#228;chlich einmal, dass er dich blutig kratzt?&#8220; &#8222;Das geht ganz leicht. Da kann ich solche Gesichter machen, oder ich kann ihm seine Malstifte verstecken.&#8220; &#8222;Toll! K&#246;nntest du sonst noch irgendetwas machen, wenn du ihn wirklich einmal so weit bringen wolltest, dass er dich kratzt?&#8220; &#8222;Ach, da gibt es ganz viele M&#246;glichkeiten. Ich kann ihn zum Beispiel &#8218;Arschgesicht&#8216; nennen oder ihm meinen Hintern zeigen, oder kann ihm sagen, dass er dumm ist&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Ich fragte noch eine Weile weiter, w&#228;hrend die Mutter mit gro&#223;en Augen daneben sa&#223; und ihre Tochter aus dem N&#228;hk&#228;stchen plaudern h&#246;rte. Schlie&#223;lich gab ich den Versuch auf, mir alle Methoden nennen zu lassen; es kam kein Ende in Sicht. &#8222;M&#252;sste deine Mutter das mitkriegen, wenn du das machst, oder k&#246;nntest du es auch so hinkriegen, dass sie gar nichts davon bemerkt?&#8220; &#8222;Das mache ich ja im Kinderzimmer, da ist die nicht.&#8220; &#8222;Und was passiert dann?&#8220; &#8222;Dann l&#228;uft mein Bruder in die K&#252;che und heult, und meine Mutter fragt was passiert ist.&#8220; &#8222;Und dann sieht sie deine zerkratzten Arme, und du sagst, du hast nichts gemacht.&#8220; &#8222;Ja&#8220;, sagte das M&#228;dchen etwas leiser. \u201eIst das sch&#246;n, wenn dein Bruder bestraft wird und du nicht?\u201c \u201eKlar\u201c, sagte sie. Ihre Augen leuchteten.<\/p>\n<p>Ich bat die Mutter, im Fall von Streitigkeiten zwischen den Kindern zuk&#252;nftig immer beide oder keinen zu bestrafen. Vielleicht sei das manchmal ungerecht gegen&#252;ber dem M&#228;dchen, aber der Junge habe schon zu viele Strafen zu Unrecht bekommen. Im Schnitt sei so jedenfalls mehr Gerechtigkeit zu erreichen.<\/p>\n<p>In der folgenden Stunde lie&#223; ich den Jungen allein kommen. Ich erz&#228;hlte ihm die Geschichte von <a title=\"Zu Gregor, dem Drachen\" href=\"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2007\/07\/17\/81\/\" target=\"_self\">Gregor, dem Drachen<\/a>.<\/p>\n<p>In der dritten Stunde lie&#223; ich das M&#228;dchen wieder kommen. Ich lei&#223; sie Stofftiere aussuchen jeweils f&#252;r ihren Bruder, f&#252;r ihre Mutter, f&#252;r ihren Vater und f&#252;r sich, au&#223;erdem eines f&#252;r &#8222;den &#196;rgerer, der sich freut, wenn es den anderen schlecht geht&#8220;. Ich lie&#223; sie die Familienfiguren aufstellen. Den &#196;rgerer nahm ich selbst. Ich erz&#228;hlte dem M&#228;dchen, dass sich der &#196;rgerer freut, wenn die Familie nicht zusammenh&#228;lt, und dass er denkt, das bestimmt kein Tier hilft, wenn er ihre Mutter angreift. Und ich lie&#223; den &#196;rgerer das Tier angreifen, das ihre Mutter darstellte. Nat&#252;rlich wurde der &#196;rgerer in die Flucht geschlagen und war ziemlich entt&#228;uscht. Doch er berappelte sich und versuchte Vater und dann sie selbst anzugreifen. Jedesmal zog er den k&#252;rzen. Dann sagte der &#196;rgerer: &#8222;Ihren Bruder hat sie ja selbst oft ge&#228;rgert. Den wird sie bestimmt nicht besch&#252;tzen. Zu ihm h&#228;lt sie bestimmt nicht, wenn ich ihn angreife.&#8220; Doch wieder wurde er aufs Schlimmste zur&#252;ckgeschlagen. Der &#196;rgerer redete das Tier an, das sie selbst darstellte und versuchte ihm mit vielen Listen zu erkl&#228;ren, dass ihr Bruder doch doof sei, und man ihn &#228;rgern d&#252;rfe, ja, dass er ihr doch nur helfen wolle, ihn zu &#228;rgern, und dass sie doch gemeinsam viel Spa&#223; haben k&#246;nnten. Doch auf keine dieser Listen fiel das Schwester-Tier herein. Der &#196;rgerer versuchte es auf alle Weisen, doch es zeigte sich, dass alle in der Familie zusammenhielten, und auch die Schwester ihren Bruder in jeder erdenklichen Weise unterst&#252;tzte. Entt&#228;uscht und gedem&#252;tigt musste der &#196;rgerer schlie&#223;lich abziehen. Das M&#228;dchen aber baute aus Seilen zwischen den M&#246;beln des Therapiezimmers ein Familiennetz, durch das kein &#196;rgerer jemals wieder eindringen konnte.<\/p>\n<p>In der vierten Therapiestunde lie&#223; ich nochmals die Mutter und den Sohn kommen. Ich lie&#223; den Jungen mit zwei Seilen zwei L&#228;nder auf den Boden legen. Das Land des &#196;rgerns und &#8211; was w&#228;re das Gegenteil? &#8222;Das Land des Schmusens&#8220; meinte der Junge. Ich lie&#223; ihn einige Tiere aussuchen, die im Land des &#196;rgerns lebten und andere, die im Land des Schmusens Lebten, und er legte sie in die jeweiligen, mit den Seilen markierten Zonen.<\/p>\n<p>&#8222;Was machen denn die Tiere im &#196;rgerland alles miteinander?&#8220;, fragte ich den Jungen. &#8222;Und was machen die Tiere im Schmuseland?&#8220; Dann wollte ich wissen: &#8222;In welchem Land sind die Tiere wohl gl&#252;cklicher?&#8220; Mich interessierte: &#8222;Meinst du, dass die Tiere aus dem Land des &#196;rgerns in das Land des Schmusens kommen wollen, oder wollen eher die Tiere aus dem Schmuseland ins &#196;rgerland hin&#252;ber?&#8220; Es gab, wie erwartet, eine einseitige Emigrationstendenz. Ich fragte weiter: &#8222;Aber die Tiere aus dem Schmuseland werden die Tiere aus dem &#196;rgerland ja sicher nur hereinlassen, wenn die Tiere aus dem &#196;rgerland es hinkriegen, sich so zu verhalten, dass sie zu den Schmuse-Tieren passen, oder?&#8220; Und dann: &#8222;Was machen denn diejenigen Tiere, die ins Schmuseland hereingelassen werden, in das alle Tiere aus dem &#196;rgerland gerne hineinwollen? Und wie kriegen sie das hin? Und was k&#246;nnen sie noch alles tun, um hineinzud&#252;rfen? Und was machen sie alles dort, um da bleiben zu d&#252;rfen und nie wieder herausgeschmissen zu werden? Und wer darf alles jetzt schon rein ins Schmuseland, weil er schon gelernt hat, das so zu machen? Und was meinst du, wer darf als n&#228;chstes?&#8220; Und immer mehr Tiere durften aus dem &#196;rgerland ins Schmuseland hin&#252;ber, weil sie es gelernt hatten, wie Schmusetiere zu leben. Schlie&#223;lich stritten sich im &#196;rgerland nur noch ganz wenige, und bald danach war das &#196;rgerland leer.<\/p>\n<p>Nach der vierten Sitzung rief die Mutter der beiden Kinder an, dass kein weiterer Therapiebedarf bestehe, weil sich die Probleme in der Familie wie auch im Kindergarten weitestgehend aufgel&#246;st h&#228;tten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Mutter wollte ihren Sohn in Therapie bringen, weil er bei den h&#228;ufigen Streitigkeiten mit seiner Schwester diese regelm&#228;&#223;ig blutig kratzte. 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