{"id":1222,"date":"2009-10-09T01:35:00","date_gmt":"2009-10-08T23:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=1222"},"modified":"2009-10-09T01:37:06","modified_gmt":"2009-10-08T23:37:06","slug":"kopfpiep-und-stilleklang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2009\/10\/09\/1222\/","title":{"rendered":"Kopfpiep und Stilleklang"},"content":{"rendered":"<p>Diese Woche schrieb mir jemand die folgende E-mail, die ich mit seiner Erlaubnis zitiere&#8230;<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Hammel,<\/p>\n<p>Ich m&#246;chte ihnen gerne meine Erfahrung mitteilen mit dem H&#246;ren der <a title=\"Zur mp3 Stilleklang\" href=\"http:\/\/www.stefanhammel.de\/die-downloads\/tinnitus.html\" target=\"_blank\">Stille-Klang-H&#246;rdatei<\/a>, die ich von ihrer Website gedownloadet habe. Ich bin Pianist, habe seit 1 Jahr einen Piep im Kopf, lebe in Holland und bin an allen Therapieformen interessiert die es gibt f&#252;r Tinnitus.<\/p>\n<p>Nachdem ich bislang immer mit Klangst&#252;cke-CDs f&#252;r Tinnituspatienten meditiert habe, war ihre StilleKlang eigentlich ein Schritt in eine ganz andere Richtung, n&#228;mlich Richtung Stille, anstatt den KopfPiep zu maskieren mit anderen Ger&#228;uschen \/ Kl&#228;ngen. Das fand ich faszinierend. Nach 3-maligem H&#246;ren hat sich zwar an den Beschwerden noch nichts ge&#228;ndert, wohl aber an meiner Sensibilit&#228;t f&#252;r Stille. Das f&#252;hrt dazu, dass ich nun im Alltag oft die Stille dem auflegen einer CD vorziehe, au&#223;erdem habe ich einiges aufger&#228;umt (ge-simplifyt). Das Thema: Musiker und Fehler \/ vollkommene Musik finde ich interessant.<br \/>\nAuch die Assoziation Hoch &#8211; Stille \/ Freiheit. Mit dem Bild des Aufzugs konnte ich nicht soviel anfangen, auch nicht mit dem 10st&#246;ckigen Haus (ich sehe dann immer ein langweiliges B&#252;rogeb&#228;ude). Ich werde die StilleKlang noch weiter h&#246;ren, um zu sehen, ob ich noch Neues hinzuentdecke.<\/p>\n<p>Meine Frage nun ist: Vielleicht haben Sie noch ein paar Tips f&#252;r mich, oder auch Literaturhinweise, haben sie selber etwas geschrieben, oder andere, was zu meiner Situation passen w&#252;rde?<\/p>\n<p>Liebe Gr&#252;sse,<\/p>\n<p>A. P.<\/p>\n<p>Ich schrieb ihm zur&#252;ck:<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr A. P.,<\/p>\n<p>Literatur zur hypnotherapeutischen Bearbeitung von Tinnitus gibt es fast keine.<br \/>\nEin Buch von Dr. Steinriede kommt zu dem Ergebnis, man k&#246;nne die erlebte Lautst&#228;rke (resp. Stille \ud83d\ude09 ) regelm&#228;&#223;ig nicht beeinflussen, nur den psychologischen Umgang damit. Dem widersprechen die Beobachtungen \/ Messungen von Dr. Schneider und mir. Die von uns gemessenen Patienten haben nach der Arbeit mehr Stille oder v&#246;llige Stille erlebt. Ich arbeite meistens nicht mit einer f&#246;rmlichen Hypnose und tiefer Trance, sondern mehr mit Alltagstrancen, wie man sie auch sonst beim Tagtr&#228;umen erlebt. Eine Sammlung von Interventionen, die ich in dem Heidelberger Tinnitusversuch wiederholt verwendet habe, finden Sie skizziert unter: www.hsb-westpfalz.de\/das-team\/dr-p-schneider\/interventionen.html . Ansonsten hier einige &#8222;Fragmente&#8220; zur Hypnotherapie bei Tinnitus.<\/p>\n<p>Der amerikanische Hypnotherapie-Entwickler Milton Erickson hat im Rahmen der Trancearbeit mit einem\u00a0 Tinnitush&#246;rer folgende Geschichte verwendet.<\/p>\n<p>Erickson erz&#228;hlt: Ich gebe dir eine Geschichte, damit du es besser verstehst? wir lernen n&#228;mlich Dinge auf eine sehr ungew&#246;hnliche Art, auf eine Art, von der wir nichts wissen. In meinem ersten Collegejahr kam ich an einer Kesselfabrik vorbei. Die Arbeiter waren an zw&#246;lf Kesseln gleichzeitig besch&#228;ftigt, und sie waren in drei Schichten eingeteilt. Und diese pneumatischen H&#228;mmer schlugen unabl&#228;ssig auf das Metall und trieben Nieten in die Kessel. Ich h&#246;rte den L&#228;rm und wollte herausfinden, was es war. Nachdem ich erfuhr, dass es eine Kesselfabrik war, ging ich hinein und konnte darin niemanden reden h&#246;ren. Ich konnte sehen, wie die verschiedenen Angestellten Gespr&#228;che f&#252;hrten. Ich konnte sehen, wie sich die Lippen des Vorarbeiters bewegten, aber ich konnte nicht h&#246;ren, was er zu mir sagte. Er h&#246;rte, was ich sagte. Ich bat ihn nach drau&#223;en, damit ich mit ihm reden k&#246;nnte. Und ich bat ihn um Erlaubnis, meine Decke mitzubringen und dort f&#252;r eine Nacht auf dem Boden zu schlafen. Er dachte, mit mir stimmt etwas nicht. Ich erkl&#228;rte, dass ich ein angehender Medizinstudent sei und dass ich an Lernprozessen insteressiert sei. Und er erlaubte mir, dass ich meine Decke mitbringen und auf dem Boden schlafen d&#252;rfte. Er erkl&#228;rte es allen Arbeitern und lie&#223; einen Zettel f&#252;r die n&#228;chste Schicht da. Am n&#228;chsten Morgen wachte ich auf. Ich konnte h&#246;ren, wie die Arbeiter &#252;ber diesen bescheuerten Jungen redeten. Warum zum Teufel schlief er hier auf dem Boden? Was wollte er denn dabei lernen? Im Schlaf w&#228;hrend der Nacht blendete ich all diesen schrecklichen L&#228;rm von zw&#246;lf oder mehr pneumatischen H&#228;mmern aus und ich konnte menschliche Stimmen h&#246;ren.<\/p>\n<p>Ich wusste, es ist m&#246;glich, zu lernen, nur bestimmte Ger&#228;usche zu h&#246;ren, wenn du deine Ohren richtig einstellst. Du hast ein Piepen in den Ohren, aber du hast noch nicht daran gedacht, die Ohren so einzustellen, dass du das Piepen nicht mehr h&#246;rst. Und wenn du zur&#252;ckblickst, dann sind da eine Vielzahl von Zeiten, an denen du heute aufgeh&#246;rt hast, das Piepen zu h&#246;ren. Es ist schwierig, sich an Dinge zu erinnern, die nicht auftreten. Aber das Piepen hat aufgeh&#246;rt. Aber weil nichts da war, erinnerst du dich nicht mehr daran? Nun ist das Wichtige, die Sache mit dem Piepen zu vergessen und sich an die Zeiten zu erinnern, als kein Piepen da war. Und das ist ein Lernprozess. Ich habe in einer Nacht gelernt, nicht mehr die pneumatischen H&#228;mmer in der Kesselfabrik zu h&#246;ren ? und ein Gespr&#228;ch zu h&#246;ren, das ich am vorigen Tag nicht h&#246;ren konnte? ich wusste, was der K&#246;rper automatisch tun kann? Nun verlasse dich auf deinen K&#246;rper. Vertraue ihm. Glaube an ihn. Und wisse, dass dir das ausgezeichnet helfen wird.<br \/>\n(M.H.Erickson, in: D.C.Hammond, Handbook of Hypnotic Suggestions and Metaphors, 266)<\/p>\n<p>Einige Interventionen von mir habe ich in kurzen Geschichten skizziert:<\/p>\n<p>&#8222;Treiben Sie Sport?&#8220; &#8222;Taekwondo.&#8220; &#8222;Welcher G&#252;rtel?&#8220; &#8222;2. Dan.&#8220; &#8222;Gut. H&#246;ren Sie zu. Stellen Sie sich vor, Ihr linkes Ohr, das die Stille gut kennt, ist der Meister. Ihr rechtes Ohr, das den Tinnitus kennt, ist der Sch&#252;ler. Was kann der Meister den Sch&#252;ler lehren, und was m&#246;chte der Sch&#252;ler von seinem Meister lernen?&#8220; &#8222;Konzentration.&#8220; &#8222;Gut. H&#246;ren Sie dem Meister f&#252;r eine Zeitlang zu, und schauen Sie ihm zu, wie er den Sch&#252;ler unterweist. Beobachten Sie den Sch&#252;ler, wie er auf seinen Lehrer h&#246;rt und seinen Anweisungen folgt. Was nehmen Sie wahr?&#8220; &#8222;Jetzt ist es still.&#8220; (S.Hammel, Handbuch des therapeutischen Erz&#228;hlens, 84)<\/p>\n<p>Sie liebte es, in die Disco zu gehen. Wenn ihre Eltern sie abholten, wunderten sie sich jedes Mal: &#8222;Wie kannst du es aushalten bei dem Krach?&#8220; Doch sie wusste: Laut ist die Musik nur am Anfang. Schon bald ist das Laute nicht mehr laut. Das Ohr stellt die Lautst&#228;rke nach.<br \/>\nSie liebte es, abends im Bett noch leise Radio zu h&#246;ren. Zwar hatten ihr die Eltern das verboten, wenn sie am n&#228;chsten Tag Schule hatte, doch stellte sie das Radio so leise ein, dass sie fast nichts mehr h&#246;rte. Sie wusste: Leise ist die Musik nur am Anfang. Schon bald ist das Leise nicht mehr leise. Noch mehrere Male kann sie das Radio noch leiser stellen, und immer noch h&#246;rt sie alles genau. Denn das Ohr stellt die Lautst&#228;rke nach.<\/p>\n<p>Als wir das erste Mal mit der Behandlung von Tinnitus experimentierten, lie&#223; ich den Probanden auf einer Skala von 0 bis 10 die aktuelle Lautst&#228;rke bewerten. Es gelang uns, seinen Tinnitus zu reduzieren.<br \/>\nDen n&#228;chsten Probanden lie&#223; ich die Leisheit beurteilen. Der Proband fand diese Vorstellung etwas m&#252;hsam, doch wir erreichten, dass der Tinnitus v&#246;llig verschwand.<br \/>\nDie dritte Probandin lie&#223;en wir nach jeder Intervention auf einer Stilleskala den Grad der bereits erreichten Stille skalieren. Das Arbeiten wurde nochmals leichter. Auch diese Probandin verlor ihren Tinnitus ganz.<\/p>\n<p>Einer Therapeutin, die zum Thema nachgefragt hat, habe ich geschrieben:<\/p>\n<p>&#8222;Den Tinnitus betreffend denke ich: Erfragen sie, wonach er klingt, z.B. nach einem Bienenkorb, einem hohen elektrischen Ton oder dem Brummen eines Motorfliegers &#8211; und machen Sie dann mit der Klientin eine Reise zu einem Ort, wo dieses Ger&#228;usch vorkommt und seinen Sinn hat.<br \/>\nOder lassen Sie die Klientin ein Ger&#228;t konstruieren bzw. ein Tier erfinden, das genau dieses Ger&#228;usch macht und lassen Sie sie das Ger&#228;t oder Tier in allen Einzelheiten beschreiben.<br \/>\nKommen Sie dann auf Eigenarten und F&#228;higkeiten des Ger&#228;tes oder Tieres zu sprechen, die therapeutisch n&#252;tzlich sind (Produktions- \/ Reparaturwerkzeug \/ Jagdinstinkt, m&#252;tterliche F&#252;rsorge, bei Flederm&#228;usen Nutzung des hohen Tones zum Orten von Beute und Artgenossen, bei Delfinen zur Verst&#228;ndigung, bei einer Hundepfeife Signalfunktion).<br \/>\nSie k&#246;nnen Trance auch erzeugen, indem Sie die Frau bitten, sich nur auf den Klang des Tons zu konzentrieren und vor diesem Hintergrund allm&#228;hlich immer deutlicher Ihre Worte zu bemerken.<br \/>\nSie k&#246;nnen die Trance durch Dissoziation vertiefen, wenn sie suggerieren: &#8218;W&#228;hrend ein Teil Ihrer Aufmerksamkeit sich ganz auf diesen Ton konzentriert, ist ein anderer Teil mit dem besch&#228;ftigt, was ich sage.'&#8220;<\/p>\n<p>Viele Gr&#252;&#223;e,<br \/>\nStefan Hammel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Woche schrieb mir jemand die folgende E-mail, die ich mit seiner Erlaubnis zitiere&#8230; Sehr geehrter Herr Hammel, Ich m&#246;chte ihnen gerne meine Erfahrung mitteilen mit dem H&#246;ren der Stille-Klang-H&#246;rdatei, die ich von ihrer Website gedownloadet habe. 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