{"id":1047,"date":"2009-04-26T19:42:51","date_gmt":"2009-04-26T17:42:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/?p=1047"},"modified":"2009-04-26T19:52:07","modified_gmt":"2009-04-26T17:52:07","slug":"wertvolle-beratung-vergebung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanhammel.de\/blog\/2009\/04\/26\/1047\/","title":{"rendered":"Wertvolle Beratung: Vergebung"},"content":{"rendered":"<p>Nach einer Pause, bedingt durch meinen Umzug, melde ich mich wieder zur&#252;ck. Und mache da weiter, wo ich aufgeh&#246;rt habe., bei Wertbegriffen, die f&#252;r die Beratung und Therapie wichtig sind, obwohl es auf den ersten Blick gar nicht so scheinen mag. Vergebung ist ein altes Wort, das nicht mehr oft verwendet wird. Auch in der Therapie ist der Begriff eher in Vergessenheit geraten. Ich gebracuche den Begriff auch eher selten, weil er etwas gro&#223; und pathetisch klingen mag, und manchmal ist leichter, mit den Klienten viele kleine, vielleicht gar unscheinbare, Schritte aneinander zu reihen, bis man sich unversehens gemeinsam am Ziel findet.<\/p>\n<p>Oftmals, so denke ich, geht es in der Therapie darum, zu lernen, das Recht auf Zorn und Groll, das Recht auf Wiedergutmachung, das Recht auf eine Entschuldigung oder S&#252;hne loszulassen und darauf zu verzichten, Gerechtigkeit (wie jeder selber sie versteht, wieder einzufordern. Vergebung kann auch bedeuten, nicht in der Vergangenheit, die niemand &#228;ndern kann, zu kreisen und Forderungen zu stellen, die sich nur durch eine Zeitreise in fr&#252;here Tage einl&#246;sen lie&#223;en. Oftmals geht es gar nicht um die moralische Frage, dass es &#8222;gut&#8220; sei, anderen zu vergeben. Oftmals ist das wichtigste an der Vergebung, einen selbstzerst&#246;rerischen Prozess zu beenden; denn derjenige, dem vergeben werden soll, hat m&#246;glicherweise mit der behaupteten Schuld gar kein Problem &#8211; oder ist wom&#246;glich selbst gar nicht mehr am Leben. Mit der Vergebung hat es aus therapeutischer Sicht aber die folgende Bewandnis:<!--more--><\/p>\n<p>Als wir S&#228;uglinge waren, haben wir in uns unwillk&#252;rlich Abbilder aller Dinge und Personen geschaffen, die wir wahrgenommen haben. Und die Personen, die f&#252;r uns wichtig waren, bekamen ein Abbild von besonderer Intensit&#228;t. Man k&#246;nnte auch sagen, dass unsere Wirklichkeit bis heute nur aus diesen Abbildern besteht. Denn alles, was wir sagen k&#246;nnen &#252;ber die Welt ist, dass wir reden &#252;ber da, was die Welt in uns an Bildern und Gedanken erschaffen hat.<\/p>\n<p>Die Abbilder wichtiger Menschen jedenfalls haben sich in uns eingepr&#228;gt mitsamt dem Verhalten dieser Menschen untereinander und uns gegen&#252;ber. Und aus ihrem Verhalten haben wir nach und nach geschlossen, wer wir sind. Identit&#228;t nennt man das, wenn ich ein Bild von mir habe, das mit dem Bild das andere von mir haben zu einem hohen Grad zur Deckung kommt &#8211; oder auch, wenn mein Bild von mir gestern und heute in etwa dasselbe ist, relativ unabh&#228;ngig davon, wer und was mir gerade begegnet. Die Bilder der Personen, die in meinem Leben wichtig sind, nennt man auch Introjekte, das hei&#223;t &#8222;hineingeworfene&#8220; Teilpers&#246;nlichkeiten. Denn meine Identit&#228;t besteht zun&#228;chst aus dem innerlich abgebildeten Sozialsystem der &#8222;inneren Leute&#8220;, die die &#228;u&#223;eren Leute widerspiegeln. Eine stabile Identit&#228;t bedeutet eine hohe Identit&#228;t (also ein hoher Deckungsgrad) im Bereich der Ideen, die meine inneren Figuren dar&#252;ber haben, wer ich bin.\u00a0 Nat&#252;rlich bilden sich irgendwann auch Pers&#246;nlichkeitsanteile (oder Teilpers&#246;nlichkeiten) aus, die nicht genau einer bestimmten &#228;u&#223;eren Person entsprechen. Sie sind entsprungen als neue Pers&#246;nlichkeitsaspekte aus der gedanklichen Diskussion zwischen verschiedenen Introjekten oder aus Einfl&#252;ssen wie biographischen Erlebnissen, Medien und schwer fassbaren Zeitstr&#246;mungen. Es entstehen also synthetische neue Figuren, die zu dem inneren Team meiner Pers&#246;nlichkeitsaspekte mit eigenen &#8222;inneren Stimmen&#8220; beitragen.<\/p>\n<p>Wenn ich nun einem Menschen nicht vergebe, bedeutet das auch, dass einige der Pers&#246;nlichkeitsanteile einander bek&#228;mpfen. Das ist ganz offensichtlich ein Schaden f&#252;r die Identit&#228;t der Person &#8211; und oftmals nur f&#252;r sie, wie etwa dann, wenn der Mensch, dem ich nicht verzeihen will (oder, wie &#246;fter zu h&#246;ren ist, &#8222;nicht kann&#8220;), l&#228;ngst verstorben ist und sich mutma&#223;lich an meinem Groll gar nicht mehr st&#246;rt. Aus Nachsicht und Verst&#228;ndnis eine Person im Nicht-Vergeben zu unterst&#252;tzen, scheint mir fahrl&#228;ssig &#8211; und zwar nicht, weil ich den vermeintlichen T&#228;ter schonen wollte, sondern weil das Opfer erst dann aufh&#246;rt, Opfer zu sein, wenn es aufh&#246;rt, sich als Opfer zu sehen.<\/p>\n<p>Sinnvoll ist es, nach M&#246;glichkeiten eines inneren (und gelegentlich auch &#228;u&#223;eren) T&#228;ter-Opfer-Ausgleichs zu suchen, also zu ringen um den h&#246;chstm&#246;glichen Grad an gegenseitiger Anerkennung, an Respekt, an Vergebung, Vers&#246;hnung, schiedlich-friedlichem Auseinandergehen oder was immer in die Richtung zielen mag, dass die verfeindeten Pers&#246;nlichkeitsanteile keine Forderungen mehr aneinander stellen &#8211; weil die Personen es auch nicht mehr tun.<\/p>\n<p>Was immer dazu beitr&#228;gt, dass der innere &#8222;T&#228;ter&#8220; nutzbar gemacht werden kann, ist n&#252;tzlich, weil ein gr&#246;&#223;erer Teil der Pers&#246;nlichkeit aktiv sein kann und ein m&#246;glichst kleiner Teil ausgegrenzt oder eingesperrt wird. Was immer dazu beitr&#228;gt, dass das innere &#8222;Opfer&#8220; t&#228;tig werden kann, ist wertvoll, weil es ebenfalls dazu beitr&#228;gt, dass ein m&#246;glichst gro&#223;er Teil der Pers&#246;nlichkeit gestaltend sein kann.<\/p>\n<p>Was immer dazu beitr&#228;gt, dass es im Inneren Team m&#246;glichst keine &#8222;T&#228;ter&#8220; und &#8222;Opfer&#8220; mehr gibt, also, dass keine destruktiven inneren Dialoge mehr gef&#252;hrt werden, ist gut f&#252;r die Identit&#228;t. Manchmal ist dieses Ziel kaum zu erreichen. Oftmals darf es niemand fordern, weil der Weg so schwierig ist und jede Forderung eines anderen Menschen hier eine Anma&#223;ung w&#228;re. Trotzdem, ich bleibe dabei: Wenn m&#246;glichst alle biographisch und synthetisch entwickelten Personen in mir an einem Tisch sitzen und vertrauensvoll miteinander im Gespr&#228;ch sind und alle gemeinsam handlungsf&#228;hig sind, dann ist das Ziel der Vergebung in mir erreicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer Pause, bedingt durch meinen Umzug, melde ich mich wieder zur&#252;ck. 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