Der Feldherr und der Prophet

Mit einem befreundeten Arzt habe ich mich über Kurzzeittherapie unterhalten. Viele Menschen haben Jahre alte chronische Probleme – körperliche Krankheiten, psychische Störungen, soziale Schwierigkeiten. Manchmal gibt es Möglichkeiten, solche Leiden innerhalb von Stunden oder Tagen ganz aufzulösen – unabhängig davon, wie alt und leidvoll das Problem bereits ist. Nun werden viele Leute dem Therapeuten kein Vertrauen schenken, wenn er ihnen eine einfach klingende Lösung nennt. Und wenn sie die Lösung ausprobieren und sie schnell wirkt, dann werden sie die Gründe oft woanders suchen als in der Therapie. Der Freund erzählte mir dazu eine Geschichte, die vor 1500 Jahren aufgeschrieben wurde.

Damals war der Feldherr Naaman an Lepra erkrankt. Eine ansteckende und unheilbare Krankheit, die seinen baldigen Ausschluss aus der Gesellschaft zur Folge haben würde. Eine Magd erwähnte, dass der Prophet Elisa im Lande Juda durch seine göttliche Kraft solche Krankheiten heilen könnte. Und der Feldherr machte sich auf den Weg. Wir lesen dann:

So kam Naaman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des Herrn, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn. Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben und er wurde rein. (Altes Testament, 1. Kön. 16,9ff.)

Warum wollte der Feldherr die Therapie zuerst nicht mitmachen? Es gibt zwei mögliche Gründe:

Erstens sah er sein Problem nicht genügend gewürdigt. Der Prophet schritt an ihm, seiner Biographie, seinem Leid vorbei gleich zur Lösung. So etwas nehmen viele Menschen übel – obwohl das Befassen mit Lösungen statt mit Problemen an sich der schnellere Weg ist. Manchmal verbringen wir viel Zeit damit, Probleme von Klienten zu würdigen, bevor wir mit ihnen Lösungen suchen können, die es auch gleich gegeben hätte. Und manchmal scheinen Klienten eine Lösung oder Heilung  gar als Missachtung ihrer Person anzusehen – die mit dem Problem vielleicht schon mehr als verheiratet ist.

Zweitens hat der Prophet eine Lösung angeboten, die viel zu einfach und viel zu unlogisch klang. Der Feldherr sah sich in seiner Intelligenz missachtet. Er wollte etwas Anspruchsvolles, auf seinem Niveau oder allenfalls darüber.

Manchmal ist es schwer, Menschen für einfache Lösungen zu schwierigen Problemen zu gewinnen.

Ein Gedanke zu „Der Feldherr und der Prophet

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